Glauben ist nicht Wissen: Seid ihr ein Hunderudel?

Ähm, nein! Das seid ihr nicht. Leider ist der Begriff Hunderudel, wie auch der Begriff Rudel in der Vorstellung vieler Menschen eine streng hierarchisch strukturierte soziale Gruppe mit nach Unterwerfung strebenden „Alphatieren“. Und jetzt fange ich einfach mal mit dem wissenschaftlichen “Klugscheißer”-Modus an und erkläre, warum ihr kein Hunderudel mit eurem Hund seid und nicht sein werdet. 

Es gibt wohl neben dem Wort Dominanz kaum eines, das in der Hundeszene so inflationär und so oft falsch verwendet wird wie das Wort Rudel. Rudel ist ein Begriff mit hoher Bedeutung, so wie das Wort Familie, bei dem es sich sehr ähnlich verhält. Und mit den Bezeichnungen Rudel, wie auch Dominanz, werden meist falsche Zusammenhänge und Ableitungen konstruiert, auf die wir in diesem Buch noch zu sprechen kommen. Es ergeben sich mit diesen Begriffen falsche Überlegungen im Kopf des Menschen. Diese sehen zwei oder mehr Hunde und denken, es sei ein Rudel. Oder eine Familie nimmt einen Hund zu sich ins Haus und denkt jetzt, sie sei ein Rudel. Dabei gibt es eine klare Definition für das Rudel: 

Ein Hunderudel ist ein Familienverband.

Ein Rudel ist ein Familienverband! Und das beinhaltet Eltern, Kinder, Geschwister, Tanten, Cousinen und deren Nachkommen. Oder wie Günther Bloch es beschreibt: “Soziale Familienverbände mit echten verwandtschaftlichen Beziehungen. Es sind bemerkenswert kooperative und sozial strukturierte Gruppen mit formal dominanten Elterntieren und deren Nachwuchs aus 2-3 Jahren.” Solche Rudel kommen in Deutschland kaum noch vor. Wenn, dann meistens bei Züchtern, die nur Eltern und Nachkommen haben, bei Mushern, die sich ihre Zughunde selbst heranziehen oder bei Schäfern, die sich ihre Hütehunde selbst nachziehen.

Gekauft oder bei dir geboren?

Da ein Hund in der Regel gekauft und nicht hinein geboren wird, ist eine Menschenfamilie mit Hund eben kein Rudel. So einfach ist das im Grunde. Aber was bist du mit deinem Hund denn dann, wenn ihr kein Rudel seid? Ihr seid eine Meute! Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Nicht miteinander verwandte Hunde, die in einer Gemeinschaft leben, nennt man Meute. Das gilt ebenso für artverschiedene Gemeinschaften. Bestimmt hast du schon mal im Fernsehen gesehen, wie man früher in England hoch zu Ross in roten und schwarzen Mänteln und weißen Hosen gejagt hat. Da war immer eine große Anzahl an Beagles dabei, die den Fuchs suchen mussten. Diese Beagles bildeten eine Hundemeute. In Deutschland nahm man früher für diese Art von Jagd übrigens Pudel, und auch dabei handelte es sich um eine Meute. So, wie du mit deinem Hund, der Nachbar, oder der Polizeibeamte. 

Und wenn der Hund woanders ist?

Das gilt auch für die Hunde in Hundepensionen. Diese werben aktuell gerne mit dem Wort “Rudelhaltung”. Das ist schlichtweg falsch, hört sich aber gut an. Und in Zeiten alternativer Fakten nehmen es viele eben nicht mehr so genau, sondern entscheiden sich lieber für das, was sich besser anhört.

Unterschied zwischen Hunderudel und Hundemeute?

Was ist der genaue Unterschied zwischen einem Hunderudel und einer Hundemeute? In einem Hunderudel gibt es ein festes Sozialgefüge. Dieses Gefüge hat diese Tiere von Natur aus in der Evolution so erfolgreich gemacht. Es gibt von den Eltern ausgehend eine Struktur, die versorgt, beschützt und lehrt. Die Älteren bringen den Jüngeren in einem Hunderudel alles bei, was diese zum Überleben brauchen. Bei den Jüngeren herrscht von Anfang an ein Respektgefüge gegenüber den Älteren vor, das nicht einmal im Ansatz in Frage gestellt wird. Sie werden dort quasi hineingeboren. “Die Erfahrung der Erfahrenen achten”, nannte Eberhard Trummler dieses System. Ein Hunderudel wird von einem erfahrenen Althund geführt, meist einer Hündin. Dann folgen zumeist in der Hierarchie die Nachkommen, vom ältesten bis zum jüngsten. Und wenn du, lieber Leser, all dies nun gerade auf dich und deinen Hund beziehst, denke daran: Ihr seid kein Rudel! 

Diese 8 Hunde leben in einem Haushalt, sind aber kein Hunderudel.
Diese 8 Hunde leben in einem Haushalt, sind aber kein Hunderudel.

Die Erfahrung der erfahrenen achten.

In einer Meute fehlt dieses feste, gewachsene soziale Gefüge. Hier kommen fremde Menschen und Hunde zusammen, die sich einfach vertragen müssen. Sie haben keine Wahl. Nur in Ausnahmen bildet sich ein gefestigtes soziales Gefüge heraus. Dies ist der riesengroße Unterschied zu einem Hunderudel, und daraus resultiert ein anderer Umgang der Hunde untereinander. 

Das betrifft auch Menschen, die Teil einer Meute sein wollen. In einer Meute mit mehreren Hunden darf ich es als Mensch nicht zulassen, dass sich ein „Hunde-Chef“ herausbildet, sondern alle müssen auf gleicher Ebene stehen. Wenn hier einer Chef werden will, muss er sich diese Stellung in der Regel “erstreiten.” Dies kann unter Hunden eventuell zu Beißereien führen. Die anderen Hunde stellen diesen Chef ständig oder in gewissen Abständen oder Gelegenheiten in Frage, was wiederum Streit und eventuell Beißereien mit der Gefahr von Verletzungen nach sich zieht. 

Wenn einer Chef des Hunderudels sein will.

Das gilt ebenso, wenn ein Mensch Chef dieser Meute sein will. Auch er wird immer wieder in Frage gestellt. Das kann funktionieren, wenn es einmal ausgefochten und zwischen den Beteiligten dann geklärt ist. Dies kann sich aber jederzeit wieder ändern. Im Familienverband eines Hunderudels ist dies durch das Sozialgefüge geregelt. In einer Meute ist das die Aufgabe des Besitzers, denn er muss nun die Stellung des Althundes in einem Familienverband erreichen. Er muss sich den Respekt eines jeden einzelnen Hundes erarbeiten und verdienen. Den bekommt er nicht geschenkt oder per Paketdienst geliefert.

Respekt ist ein entscheidender Faktor.

Diesen Respekt verdient er sich durch die Haltung und den Umgang mit allen Beteiligten. Er übernimmt die Aufgaben des erfahrenen Althundes, und das heißt: Er beschützt seinen Hund, erfüllt seine Bedürfnisse, wie Futter, soziale Kontakte (damit sind nicht nur die Hunde gemeint, sondern auch der Mensch) und Bewegung. Er bildet ihn aus, bringt ihm alles bei, was er braucht und geht konsequent und gerecht mit ihm um. Damit hat der Besitzer also eine ganz andere Aufgabe, als den Chef zu spielen. Nichts ist somit unsinniger als die Aussage: Hunde klären das unter sich. Das ist und bleibt meine Aufgabe als Halter und Besitzer, denn Hunde klären gar nichts unter sich. Jede Beißerei oder Streiterei mit anderen Hunden zerstört dieses mühsam aufgebaute Vertrauen und den Respekt dem Menschen gegenüber. Nur so bekommt Lisa ihre vierzehn Hunde unter Kontrolle.

Lisa und Alaskan Husky Indie, Leithündin im Hunderudel

‘Was? Vierzehn Hunde?”, magst du nun denken, lieber Leser, “ vierzehn Hunde?” Ja, Lisa hat neben ihrer Meute von vier Hunden noch ein Huskyrudel von Alaskan Huskys. Diese leben draußen am Haus in einem großen Gehege mit angeschlossener Scheune. Mit diesen Huskys fährt sie in einem Gespann vor einem Trainingswagen. Es ist ein echtes Hunderudel, also ein Familienverband von Eltern, Geschwistern und Nachkommen. Ich habe das Glück, dass ich an diesem Hunderudel teilhaben darf, eine wunderbare Erfahrung. Nicht zu vergleichen mit unseren Meutehunden. An diesem Hunderudel konnten wir nach Belieben, Lust und Laune Langzeit- Verhaltensstudien durchführen. So ist in einem Hunderudel die Kommunikation viel feiner und weniger missverständlich, der Umgang viel klarer, eindeutiger und respektvoller sowie das Miteinander deutlich harmonischer und liebevoller, als in einer Mensch-Hund Meute. 

Manchmal ist man nur Gast im Hunderudel.

Wir sind beide bei jeder Begegnung Gast in diesem Hunderudel von Alaskan Huskys, mehr nicht. Wenn wir zu den Huskys in das Gehege gehen, dann dürfen diese Hunde uns zum Beispiel anspringen. Das würden wir bei unseren “Meuten” nicht dulden, aber in diesem Hunderudel sind wir eben nur Gast und akzeptieren ihre Regeln. So respektieren wir auch die Individualdistanz der Huskys, wenn sie es wünschen oder dass sie uns anknurren, wenn sie ein Stück Fleisch im Maul haben. Dies ändert sich, sobald wir etwas von den Huskys wollen. Wenn wir sie zum Beispiel vor den Wagen spannen, sie auf ihren Gesundheitszustand hin untersuchen oder während der Fahrt Richtung und Geschwindigkeit vorgeben. Dann bilden wir mit dem Rudel eine Meute. Und all das, was weiter oben beschrieben wurde, kommt dann zum Tragen. Wir bestimmen, ob es an der nächsten Kreuzung rechts oder links weitergeht, und wir setzen uns durch.

Im Gegensatz zu einer Hundemeute.

Im Gegensatz zu einer Meute, wo wir uns bei jedem Hund einzeln durchsetzen müssen, brauchen wir das bei dem Huskyrudel nur bei dem Leittier zu tun. In diesem konkreten Fall ist die Hündin Indy das Leittier. Wenn sie die von uns gewünschte Richtung einschlägt, folgt der Rest des Rudels automatisch. Natürlich bekommen alle mit, dass Indy unseren Anweisungen folgt, dass wir uns falls erforderlich bei ihr durchsetzen und dass sie in die Richtung geht, die wir wünschen. Dieses Durchsetzen verschafft uns den erforderlichen Respekt des Hunderudels. Dennoch sind wir weiterhin gemeinsam nur eine Meute und Gast in dem Hunderudel. 

Einer führt, die anderen folgen.

Sie erkennen ebenfalls, wie auch die Leithündin Indy, dass das Befolgen unserer Anweisungen für sie enorme Vorteile hat, denn wir führen sie sicher durch das Gelände. Das schafft Vertrauen, das wir bei allen Hunden des Rudels genießen und das so weit geht, dass Lisa das Gespann durch fließenden Straßenverkehr führen kann. Man bedenke, dass die vordersten Hunde, die sogenannten “Leaddogs”, ungefähr sieben bis acht Meter vor dem Wagen laufen.

Stell dir einfach mal vor, du hättest deinen Hund an einer sieben Meter langen Schleppleine, die gespannt ist, und steuerst ihn dann durch einen Wald oder eine Stadt, wobei er nur auf der rechten Seite des Weges oder des Bürgersteiges bleiben darf. Er soll nicht stehenbleiben, nicht schnüffeln und nur im Laufen pinkeln. Er hat Wild und Fährten aller Art zu ignorieren, ebenso entgegenkommende Hunde, Jogger, Fahrradfahrer, Autos und so weiter. So langsam wird dir klar, lieber Leser, was das bedeutet, welche Herausforderung es darstellt? 

Mit den Huskys unterwegs. Du möchtest mal mitfahren? Mehr dazu unter: www.huskyerlebnistouren.de

Wir sind in der Lage, das Husky-Gespann sicher auf einem engen Weg durch eine feuchtfröhliche Grünkohlwanderung mit über 50 Teilnehmern zu führen. Die Gruppe könnte mit lauter Musik, Kindern auf Dreirädern oder Erwachsenen unterwegs sein, die vor die Hunde stolpern, weil sie wegen des Alkohols bereits weitestgehend die Kontrolle über ihre Körperkoordination verloren haben. 

Wir fahren mit unseren Hunden beispielsweise zum Tierarzt, und sie lassen sich in unserer Gegenwart problemlos untersuchen und sogar an schmerzenden Verletzungen abtasten, ohne Einsatz von Sedativa, Maulkorb oder dergleichen, einfach nur, weil sie uns vertrauen. 

Vertrauen bekommt man in einem Hunderudel nicht geschenkt.

Wir können mit ihnen durch ein Naturschutzgebiet fahren, zwischen hunderten von überwinternden Gänsen links und rechts hindurch, ohne dass sie beginnen, diese zu jagen. Und das ist auch deshalb gut, weil so allen Beteiligten eine große Verletzungsgefahr erspart bleibt. Brut- und Setzzeit? Egal, alle sind an der Leine, haben entsprechenden Auslauf und die Auslastung, die sie benötigen. Und Spaß haben wir alle zusammen, sogar großen Spaß. 

Auf dieses Rudel werde ich noch das eine oder andere Mal zu sprechen kommen. Und womöglich wirst du überrascht sein, was du lesen wirst. 

Dies ist ein Auszug aus den Buch 50 Mythen und Weisheiten aus der Hundeszene.

3 Kommentare zu “Glauben ist nicht Wissen: Seid ihr ein Hunderudel?”

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