Pünktchen ist weg, oder: Allein in Stinstedt.

Alaskan Husky Pünktchen

Es gibt Hunde, die deutlich mehr Pech haben als andere Hunde. Sie scheinen das Unglück irgendwie magisch anzuziehen wie ein Magnet. Nicht, dass sie tollpatschig oder so ähnlich wären, auch nicht besonders dumm. Nein, man kann es nicht erklären außer achselzuckend zu sagen: “Ist einfach so.”

Pünktchen ist ein solcher Hund. Das fing schon bei ihrer Geburt an. Sieben ihrer Geschwister waren bereits auf der Welt. Sie wurden gewärmt von ihrer Mutter Indy. Die Geburt dieser sieben Geschwister dauerte insgesamt knapp sieben Stunden. Im Durchschnitt also ein Welpe pro Stunde, was einem normalen Wert entspricht. Und alle waren wohlauf. Der achte ebenfalls, doch davon ahnte noch keiner etwas, außer vielleicht Indy. Pünktchen ließ sich Zeit. Viel Zeit. Ganz viel Zeit. Nach über acht Stunden machte auch sie sich auf den Weg nach draußen. Wir waren sehr überrascht, denn wir hatten mit einem achten Welpen nicht mehr gerechnet. Andererseits konnten wir Pünktchen auch verstehen, denn es war ein kalter und sehr nasser Februartag, an dem sie geboren wurde. Ihren Namen bekam sie aufgrund ihres Musters auf dem Fell: schwarze Punkte auf weißem Untergrund.

Unterwegs mit den Welpen

Wir waren mit vier der Welpen unterwegs, um einen kleinen Rundgang zu machen, bei warmem, fast schon heißem Wetter. Es war Ende Juni, die Temperaturen hoch, die Natur grün und bunt. Wir wollten mit den Welpen ein wenig die Gegend erkunden, damit sie das Leben kennenlernten. Wir machten das nicht zum ersten Mal, sondern wir hatten schon häufig mit den Welpen Ausflüge gemacht. Die Welpen stürmen dann teilweise etwas voraus, kehren um, rennen lautstark in unsere Richtung, stürmen an uns vorbei, um dann wieder nach einiger Zeit hinter uns zu wenden, uns wieder einzuholen, uns dann wieder ein Stück des Weges zu begleiten und dann wieder links und rechts des Weges Mäuse zu suchen. Die Welpen lernen dabei ihren Körper kennen. Sie trainieren ihre Körperkoordination und erlernen das dreidimensionale Sehen. Meistens sind wir ein paar Kilometer unterwegs.

An diesem Tag war die Strecke wegen der Wärme kürzer. Die Zeit der Mittagspause war gerade vorbei, es war also früher Nachmittag, und so herrschten jetzt die höchsten Temperaturen des Tages. Wir kehrten zu unserem Hof zurück. Die vier Welpen liefen voraus. Man merkte Ihnen an, dass sie den Weg schon kannten und wussten, wo sie hinmussten. Aber irgendwie hatten sie sich doch vertan: Sie bogen eine Einfahrt zu früh ab und liefen auf den falschen Hof. Und damit nahm das Unheil seinen Lauf.

Der Nachbar schlug und trat um sich

Aus irgendeinem Grund fand der Nachbar und Bewohner des Hofes das gar nicht witzig. Er sah von seinem Fenster aus die Welpen, stürmte sofort aus seinem Wohnhaus heraus und lief schreiend auf die vier Welpen zu, die gar nicht so recht wussten, wie ihnen geschah. Gleichzeitig warf er mit Gegenständen, die ihm gerade vor die Finger kamen, nach ihnen. Wenn sie direkt in seine Nähe kamen, versuchte er sie mit den Füßen zu treten. Zum Glück traf er sie nicht, weder durch Tritte noch durch Wurfgeschosse. Doch der Gesamteindruck seines Auftretens reichte völlig aus, um die vier Welpen in Panik zu versetzen.

Schon als der Nachbar heraus gestürmt kam, rannte Blitz sofort zu mir. Erst etwas später flüchteten die anderen drei vor dem entstandenen Chaos und stürmten etwas entfernt an uns vorbei. Einen konnten wir relativ schnell wieder einfangen, doch die anderen beiden, nämlich Pünktchen und Ablaz, waren dermaßen in Panik, dass sie quer durch den Ort rasten und verschwanden. Wir brachten die beiden anderen Welpen nach Hause und begannen sofort mit einer Suchaktion. Zu Fuß und mit dem Fahrrad waren wir im Ort unterwegs und fragten alle, die wir trafen, ob sie Pünktchen oder Ablaz gesehen hätten. Wir bekamen den einen oder anderen Hinweis von den Nachbarn, wobei wir jedem nachgingen. Und so fanden wir Ablaz nach einiger Zeit völlig verstört und brachten ihn zurück zum Rudel. Nur Pünktchen fanden wir nicht.

Viele Hinweise gingen ein.

Wir bekamen Hinweise, wo sie gesehen wurde, doch sie war immer schon weg, wenn wir dort ankamen. Wir suchten weiter. Nach drei Stunden sichtete Lisa sie in einem nahegelegenen Waldstück und näherte sich ihr vorsichtig. Es war Pünktchen deutlich anzusehen, dass sie in Panik war. Sie atmete sehr, sehr schnell, mit weit aufgerissenen Augen, ganz kleinen Pupillen, herunter hängenden Ohren und eingeklemmter Rute. Ihr gesamter körperlicher Ausdruck war darauf eingestellt, schnellstens fluchtbereit zu sein. In ihrer Panik schien sie Lisa nicht zu erkennen oder ihr in dem Moment einfach nicht zu trauen. Womöglich waren auch beide so aufgeregt, dass Pünktchen nicht über ihren Schatten springen konnte, um zu Lisa zu gehen. Bis auf zwei, drei Meter konnte sich Lisa nähern, dann aber rannte Pünktchen weg und verschwand im Wald.

Lisa informierte alle über die digitalen Medien, die sie in der Umgebung kannte. Sie rief beim Tierheim an, bei der Polizei, bei Tasso. Und so verging Minute um Minute, Stunde um Stunde, wir suchten, aber wir bekamen sie nicht zu sehen. Lisa sprach mit jemandem, der sich mit der Suche und Rückführung von Hunden sehr gut auskennt. Er gab ihr telefonisch wertvolle Tipps. So legte Lisa daraufhin eine Spur aus einem Wasser-Blut-Gemisch von der Stelle, an der Pünktchen zuletzt gesehen wurde und wo wir sie auch weiterhin vermuteten, bis hin zu unserem Hof, bis zum Rudel. Es gab noch vereinzelte Hinweise, dass sie irgendwo gesichtet worden sein sollte, doch auch dort verlief die Suche ergebnislos. Langsam wurde es dunkel. Wir beschlossen, die Suche abzubrechen und zu unserem Hof zurückzukehren. Wir hofften, dass sie mittlerweile dorthin zurückgelaufen war, doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht.

Lisa schlief draußen.

Lisa beschloss, die Nacht draußen zu verbringen und auf der Terrasse zu schlafen. Alle Zugänge waren weit geöffnet, damit Pünktchen auf den Hof gelangen konnte, wenn sie zurückkehrte. Lisa machte es sich auf der Terrasse in einem Liegestuhl bequem, soweit es eben ging. Zum Glück war es Sommer und damit nicht allzu kalt. Dennoch hatte sie eine sehr unruhige Nacht, waren ihre Sinne, vor allem die Ohren, doch immer dabei, alle möglichen Geräusche zu registrieren, um zu hören, ob Pünktchen irgendwie zurückgekommen sei. Was sie hörte, waren Ratten, die sich im Garten tummelten, aber kein Pünktchen. Die Nacht verging, die Sonne stieg auf, es wurde wieder hell. Doch Pünktchen war nicht zurück. Wir fuhren erneut los, um sie zu suchen. Doch kein einziges Lebenszeichen war von ihr zu sehen.

Noch immer kein Lebenszeichen.

In unserer Mittagspause suchten wir weiter, an Maisfeldern vorbei, an weidenden Kühen, an Weizenfeldern und durch die Waldstücke. Lisa richtete Futterstellen überall dort ein, wo Pünktchen gesehen wurde. Sie informierte die Jäger, worauf hin sich einige spontan bereit erklärten, große Lebendfallen aufzustellen, in der Hoffnung, Pünktchen so einfangen zu können. Einer der Jäger verfügte über eine Drohne mit Wärmebildkamera. Diese wird oft dazu eingesetzt, Weiden nach Rehkitzen abzusuchen, bevor sie gemäht werden. Da es den Tag über zu warm war, um etwas mit der Kamera zu sehen, wollte er abends, wenn es sich abgekühlt hatte, mit der Drohne das entsprechende Gebiet abfliegen.

Wenn es nachmittags die Zeit erlaubte, fuhren wir Patrouille mit Auto und Fahrrad, entlang der vielen Schotter- und der kleinen Sandwege zu den einzelnen Feldern und Weiden der Landwirte. Aufgrund der Trockenheit der letzten Tage waren wir sicherlich weithin zu sehen wegen der Staubfahne, die wir trotz langsamster Fahrt hinter uns her zogen und die gemächlich nach oben stieg. Nur, wenn Pünktchen diese Staubfahne gesehen hätte, dann hätte sie diese sicherlich nicht mit uns in Verbindung gebracht. Das gleiche Spiel gab es am Abend.

Fußspuren eines Hundes.

Bei einer Scheune und ein paar Unterständen am Rande einer Weide fand Lisa auf dem Sandboden Fußspuren eines Hundes. Von der Größe und Form her hätten sie durchaus von Pünktchen stammen können. Auch hier richtete sie einige Futterstellen ein. Sie tat dies aus zwei Gründen: Zum einen, damit Pünktchen etwas zu fressen bekam und zum anderen, dem eigentlich entscheidenden Punkt, damit Lisa: nach und nach die Futterstelle in Richtung unseres Hofes verlagern und so Pünktchen indirekt den Weg nach Hause weisen konnte. Die kommende Nacht verbrachten wir im Haus. Die Drohne des Jägers brachte leider kein Ergebnis, wie wir am nächsten Morgen erfuhren. An unserem Hof hatten wir wieder alle Tore und Türen zum Grundstück offen gelassen. Wir schliefen mit der Hoffnung ein, am nächsten Morgen Pünktchen am Gehege zu finden.

Und so führte uns am Freitagmorgen direkt nach dem Aufstehen unser erster Gang nach draußen, um zu sehen, ob Pünktchen in der Nacht auf das Grundstück gekommen war – doch das war nicht der Fall. Wieder waren wir enttäuscht, Frustration und auch Resignation machten sich in Lisa breit. Immer öfter sprach sie davon, Pünktchen wohl nie wiedersehen zu werden. Aber andererseits verströmte sie auch Optimismus, etwa mit der Aussage: “Solange sie nicht tot am Straßenrand gefunden wird, muss sie ja irgendwo am Leben sein!” Es waren extreme Emotionen, in die Lisa geriet – mehr noch als ich, denn ich selbst stürzte mich an diesem Tag wieder auf meine Arbeit, einerseits, weil ich einiges aus den vergangenen zwei Tagen nachzuholen hatte und andererseits, um mich von dem Gedanken an Pünktchen abzulenken. Zudem wurde die Stimmung zwischen Lisa und mir immer gereizter, so sehr überlagerte die Sorge um Pünktchen alles.

Unsere Stimmung verschlechterte sich.

Am Freitagnachmittag fuhren wir erneut Patrouille durch die direkte Umgebung. Wir sahen wieder nach den Futterstellen und suchten nach weiteren Fußspuren. An der Scheune, an der wir die ersten gefunden hatten, waren weitere Spuren von etwa gleich großen Hunden hinzugekommen. Aber nach wie vor konnten wir nicht eindeutig sagen, ob die Größe der Fußspuren zu Pünktchen passte oder nicht. Natürlich belebte das unsere Hoffnung, wobei wir auch ein Stück weit unsere Objektivität in diesem Zusammenhang verdrängten, denn wir wollten doch unbedingt dass Pünktchen lebte und dass sie irgendwo in der Nähe war.

Am späten Nachmittag mussten wir die Suche erneut abbrechen, da die Arbeit rief. Danach fuhren wir sofort wieder Streife, nachdem wir kurz nachgesehen hatten, ob Pünktchen inzwischen vielleicht auf dem Hof angekommen war, denn nach wie vor waren dort alle Türen und Tore offen. Zwischendurch bekamen wir den Hinweis, dass jemand etwas gehört hatte, was sich wie das Heulen eines Wolfes anhörte. Da es in der Gegend zu diesem Zeitpunkt keine Wölfe gab und Pünktchen zusammen mit dem Rudel heulen konnte wie ein Wolf, fuhren wir natürlich sofort an den Ort, wo das Heulen vernommen worden war. Wir suchten dort alles ab und riefen nach Pünktchen, aber es war nichts zu sehen oder zu hören. Wir suchten nochmals die Futterstellen ab und schauten nach weiteren Fußspuren. Aber nichts hatte sich seit dem Nachmittag verändert.

Es war schon verhext, denn mathematisch war die Wahrscheinlichkeit, dass sie fünf Meter von mir entfernt in einem Maisfeld sitzt, genauso groß, wie für ihren Aufenthalt fünf Kilometer weiter auf einer Weide oder nach diesen vielen Tagen über 10 km entfernt in dem Nachbarort, durch den sie vielleicht streifte. Sie konnte tatsächlich überall sein. Ohne einen konkreten Hinweis war es genauso möglich, dass sie hinter der nächsten Kurve auf der Straße saß und uns erwartete. Wir wussten natürlich um diese Möglichkeiten, was einerseits bedrückend und zermürbend war, andererseits aber auch unsere Hoffnung am Leben hielt. Ein Auf und Ab unserer Gefühle.

Wir sprachen uns Mut zu.

An diesem Freitagabend war es so, dass wir uns gegenseitig Mut zusprachen. Nach jeder Kurve, jedem Abbiegen, jeder Kreuzung sagten wir uns: Gleich finden wir sie. Aber wir fanden sie nicht. Es wurde dunkel, und wir fuhren zurück zum Hof. Mit wenig Hoffnung aber mit großer Müdigkeit schliefen wir an diesem Abend schnell ein. Der Schlaf war intensiv, aber nur kurz. Einige Zeit nach dem Eintreten der Helligkeit, und Ende Juni wird es sehr früh hell, hörte ich draußen ein Geräusch. Im Halbschlaf führte ich es auf einen Hahn zurück – oder war es doch das Heulen eines Hundes aus größerer Entfernung? Ich meinte, dieses Geräusch zweimal gehört zu haben und dann nicht mehr. Wegen eines Hahnes wollte ich nicht aufstehen. Und so schlief ich weiter, aber nicht allzu lange.

Es war kurz nach sechs Uhr, als das Rudel gemeinsam zu heulen begann. Das war so früh am Morgen schon sehr ungewöhnlich. Normalerweise beginnt das rituelle Morgenheulen nicht vor sieben Uhr. Lisa legte einen Alarmstart aus dem Bett hin und lief zum Fenster, um dem Geheul auf den Grund zu gehen. Kurz darauf kam sie zurück, zog sich an und teilte mir mit, dass sie nach Pünktchen suchen wolle, aber ich solle weiterschlafen. Als wenn ich das danach noch gekonnt hätte. Natürlich konnte ich nicht mehr weiterschlafen. Was den Alarmstart von Lisa ausgelöst hatte, war Folgendes: Das heulende Rudel schaute diesmal nicht in Richtung des Hauses oder Gartens, wie sonst üblich, sondern alle saßen oder standen zusammen in einer Ecke und schauten in Richtung des Nachbargrundstückes, als wenn es da irgendetwas Bedeutungsvolles gab.

Was hat das Hunderudel gehört?

Lisa konnte nicht erkennen, was es war. So lag ich noch ein wenig im Bett, um noch wacher zu werden. Ich spielte mit dem Gedanken, nun aufzustehen, als ich wieder diesen komischen Hahn hörte, der krähte – nur diesmal lauter und näher. Kurz danach gab es große Aufregung im Rudel, was mich dazu brachte, zu kombinieren und nachzudenken. Und als ich zu einem Ergebnis gekommen war, rief Lisa von draußen nach mir. Ich stand auf, eilte zum Fenster und sah Lisa mit Pünktchen auf dem Arm in der Morgensonne stehen. Nach fast vier Tagen hatte Pünktchen endlich zurückgefunden. Erschöpft, dreckig, aber, soweit auf die Schnelle erkennbar, gesund. Und das Letztere war für uns das Wichtigste. Sie war auch nicht abgemagert, und wir vermuteten, dass sie sich in den letzten Tagen an dem reichen Angebot an Mäusen bedient hatte…

Wie hat das Hunderudel reagiert?

Wie hat das Rudel reagiert, als Pünktchen wieder ins Gehege kam? Es herrschte große Aufregung, die von gelegentlichem Jaulen begleitet wurde. Sie wurde von allen Mitgliedern intensiv untersucht, vor allem mit der Nase – und zwar so aufdringlich, dass es Pünktchen schon sichtlich unangenehm war, aber sie ließ das ganze Prozedere über sich ergehen. Indy, ihre Mutter, fing an, sie abzulecken, wobei sie am Kopf begann. Ihre Schwestern taten es der Mutter gleich, wenn auch längst nicht so intensiv. Auf uns wirkte es wie eine Mischung aus Sauberlecken sowie Zärtlichkeit und Zuneigung.

Nach etwas über einer halben Stunde hatten dann alle Mitglieder des Rudels Pünktchen eingehend untersucht, und sie verschwand in einer Hütte zum Schlafen. Bis zum Nachmittag ward sie nicht mehr gesehen. Lisa informierte unterdessen alle über die sozialen Medien, dass Pünktchen zurückgekehrt war, mit den besten Grüßen und einem herzlichen Dank an alle Unterstützer. Die langfristigen Folgen waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzuschätzen. Das kam erst mit der Zeit.

Lisa mit traumatisierten Alaskan Husky Pünktchen

Die langfristigen Folgen:

Pünktchen war seitdem sehr scheu gegenüber allen Menschen (Link zum Thema traumatisierte Hunde) außer Lisa. Alle anderen Alaskans im Rudel waren gegenüber Menschen weiterhin sehr aufgeschlossen und manchmal sogar aufdringlich. Das hat sich bis heute nicht verändert. Gab es tatsächlich einmal Menschen, denen sich Pünktchen näherte, dann mussten diese schon eine halbe Stunde oder länger in dem Gehege gewesen sein. Anders hingegen ist es im Gespann. Dort zieht und läuft sie mit den anderen ohne jegliche Scheu. Vor kurzem war sie sogar die ersten Male im Lead, zusammen mit einem erfahrenen Althund und das in einem Alter von nicht einmal einem Jahr. Und sie machte ihre Sache für ihr Alter richtig gut. Wir hegen die Hoffnung, dass sie ein Leaddog für das zweite Gespann wird.

Eben ein kleiner Katastrophenhund.

Pünktchen rutschte einmal in einer Kurve weg und scheuerte sich dabei ihre Pfote auf. Davor war das dort noch keinem der anderen Hunde jemals widerfahren, und auch danach konnten wir es an dieser Stelle bei keinem beobachten. Es war zwar nur ein ganz kurzes Wegrutschen, aber es war doch eine typische Pünktchen-Aktion.

Nieselregen, feuchte Wege, hochspritzender Dreck beim Fahren, kurz: es herrschte norddeutsches Schmuddelwetter. Es war Oktober, der Beginn der Zughundesaison. Pünktchen war das Wetter egal, sie war in ihrem Element: mit anderen Huskys aus dem Rudel im Gespann ziehen. Und wenn auf dem 15 Kilometer langen Weg irgendwo ein scharfes Metallteil auf dem Boden liegt, dann stehen die Chancen gut, dass Pünktchen hineintritt, aber kein anderer der Hunde. Beim Wahrnehmen einer solchen Chance (das Auffinden eines scharfen Bodenbearbeitungsgerätes) hatte sie sich an der Pfote verletzt. Das war nun wieder so eine typische Aktion. Wem in dem Gespann geschieht so etwas? Pünktchen!

Zäh, wie die Alaskans (Link nach Amazon) sind, wenn sie den Rennmodus im Kopf eingeschaltet haben, hatte sie nicht einmal aufgejault oder gejammert, als sie in den scharfen Gegenstand trat. Stattdessen lief sie ganz normal weiter. Wir bemerkten die Verletzung erst nach der Rückkehr. Da die Wunde doch ziemlich groß war, fuhren wir sofort mit ihr zum Tierarzt. Pünktchen war vorher noch nie alleine im Auto mitgefahren und war vorher auch noch nie alleine beim Tierarzt. Sie war lediglich einmal zum Impfen als Welpe mit ihren Geschwistern zum Tierarzt gefahren worden. Sie saß auch diesmal ganz ruhig im Auto.

Beim Tierarzt.

Dort angekommen, ging es zunächst einmal auf die Waage, danach wurden all ihre  Daten aufgenommen. Im Wartezimmer setzte sie sich von sich aus hin und blieb ganz ruhig. Was sollte ihr auch passieren? Lisa war ja bei ihr, und deswegen waren ihr auch all die anderen Hunde im Wartezimmer gleichgültig. Bei der Untersuchung stellte sich heraus, dass die Wunde genäht werden musste. Dazu sollte Pünktchen in eine kurze Narkose gelegt werden, um die Wunde schnell nähen zu können. Sie bekam die für ihr Gewicht berechnete Dosis, doch es passierte nichts, außer das sie sich hinlegte.

Die Dosis wurde nun verdoppelt, was dazu führte, dass sie einschlief. Allerdings wurde sie bei jeder Berührung und bei jedem Geräusch wieder wach und begann, mit dem verwundeten Bein zu zappeln. So war es unmöglich, die Wunde zu nähen. Dass sie sich so sehr gegen das Narkosemittel wehrte, war ihrem hohen Adrenalinpegel zu verdanken. So musste sie doch in eine tiefe Narkose mit Hilfe eines anderen Mittels gelegt werden, damit die Verletzung endlich versorgt werden konnte. Laut Tierärztin würde sie jetzt mindestens zwei Stunden tief und fest schlafen. Lisa trug sie ins Auto und fuhr nach Hause. Als sie nach 15 Minuten Fahrt dort ankam und das Auto öffnete, befand sich Pünktchen schon wieder in Brustlage, schaute Lisa an, während ihre Rute wedelte. So viel zum Thema ”Zwei Stunden tief und fest schlafen….”

Die Wunden entzündeten sich.

Tief und weich war die passende Beschreibung für die Wunde. Sie entzündete sich und viel Eiter floss heraus. Die Haut rund um die Wunde starb ab, und sie wurde noch größer, als sie ohnehin schon war. Drei verschiedene Antibiotika wurden eingesetzt, doch keines schlug an. Die Wahrscheinlichkeit einer Blutvergiftung stieg von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Pünktchen war bei uns im Haus im Flur separiert, denn eine Überprüfung ihrer Körpertemperatur ergab 40° Celsius. Das ist auch beim Hund Fieber.

Neben gutem Futter gab es viel Aufmerksamkeit. Alle Behandlungsmaßnahmen ertrug sie still und geduldig, ohne zu klagen. Die Wunde wurde größer und größer, fast die Hälfte der Pfote war ohne Haut und Fell. An mehreren Stellen schaute der Knochen durch das Fleisch hervor. Die Speiche über der Pfote war einige Zentimeter lang blank. Der Verband musste zweimal täglich gewechselt werden. Zudem musste sie einen Trichter tragen, einen sogenannten Schutzkragen, der sie daran hinderte, an der Wunde zu lecken, wodurch sie sich noch weiter vergrößert hätte. 

Der aktuelle Stand der Dinge.

Das war der aktuelle Stand der Dinge, als ich diese Zeilen schrieb. Pünktchen wird von uns noch immer verarztet. Eine Prognose über den Ausgang ist ungewiss. Zwischen der kompletten Genesung, einer Amputation oder sogar ihrem Tod ist alles möglich. Wenn du, lieber Leser, wissen möchtest, wie es mit Pünktchen ausgegangen ist, kannst du uns gerne fragen. Kontakt kannst du aufnehmen über 

www.huskyerlebnistouren.de 

Interessant ist in diesem Zusammenhang unsere folgende Beobachtung: Zur regelmäßigen Kontrolle der Wunde beim Tierarzt musste Pünktchen mit dem Auto gefahren werden. Sie selbst durfte wegen ihrer Verletzung nicht selbstständig ins Auto einsteigen, also nicht hineinspringen. Auch der Trichter um ihren Kopf war ein Grund, sie ins Auto zu tragen, denn sie wäre beim Springen garantiert wieder irgendwo damit hängen geblieben – Pünktchen mit ihrem nicht vorhandenen Glück eben. Dieser Trichter war der Grund, warum wir sie mit ihrer Rute voran, also rückwärts, ins Auto tragen mussten. Nach dem vierten oder fünften Mal wusste sie bereits, welche Prozedur gleich bevorstand. Sie stellte sich von selbst mit ihrem HInterteil an die geöffnete Seitentür, parkte quasi ein, damit wir sie problemlos rückwärts ins Auto heben konnten.

Ähnlich lief es mit dem Verbandswechsel ab. Wir stellten ein Welpengitter auf, an dem wir sie fixierten. An der einen Seite banden wir sie mit einer kurzen Leine am Halsband fest. Um ihre Hüfte legten wir eine Schlinge, die ebenfalls an diesem Gitter befestigt war. So konnte sie sich nicht hinlegen, stand sicher, und wir konnten in Ruhe die Wunde versorgen. Sobald sie sah, dass wir mit der Verbandstasche kamen und ihr den Schutzkragen abnahmen, stellte sie sich passend parallel zum Gitter. Wir mussten dann nur noch die Karabinerhaken befestigen. Wenn wir ihr nur den Kragen abnahmen, machte sie das nicht. Diese Verhalten zeigte Pünktchen nach nur wenigen Verbandswechseln. Und dann gibt es immer noch Hundeschulen, die ihren Kunden weismachen wollen, dass man hunderte oder gar tausende von Wiederholungen braucht, bis ein Hund gelernt hat, was man von ihm will. 

Ein Kommentar zu “Pünktchen ist weg, oder: Allein in Stinstedt.”

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