Wenn der Vorzeigehund zum Rambo wird.

Ich stand an den Zaun gelehnt. Eine Hundetrainerin redete mit mir. Genauer gesagt, es ähnelte eher einen Monolog. Das einzige, dass ich zu einem Dialog hätte beitragen können, waren kurze Kopfbewegungen meinerseits, sowie einsilbige Wörter, die je nach Zustimmung oder Ablehnung eingesetzt worden wären. Ihr Monolog unterbrach sie selbst lediglich dafür, die Gruppe von Menschen, die mit ihrem Hund über den Hundeplatz liefen, zu dirigieren. Ja, es hatte schon etwas von einer Choreographie, die sich mir darbot. Wie in einer Quadrille auf dem Abreiteplatz, so zogen die Menschen mit Hund ihre Bahnen an dem Zaun entlang, um kleine Hütchen herum, und blieben pflichtbewusst vor Stangen stehen, wie vor einer roten Ampel. Wenn sie den Menschen mit Hund auf dem Hundeplatz keine Anweisungen gab, so erzählte die Hundetrainerin mir unentwegt weiter. Grundsätzlich gehören Hundetrainer zu der Gattung von Menschen, die gerne und viel reden. Vor allem über sich selbst und ihre eigenen Hunde. Zuhören ist da schon eher schwierig, das wirkt sich eher konträr zum eigenen Selbstverständnis aus. Und so erzählte sie mir von sich, von ihrem Hund und was sie schon alles so erlebt hatte. Sie schaute kurz auf die Uhr. Dann hob sie ihren Kopf, ließ ihren Blick über den Platz schweifen und rief den Teilnehmern des Unterrichts zu: “die 30 Minuten sind um. Bringt eure Hunde bitte alle ins Auto. Die müssen sich jetzt ausruhen.” Beim Anblick der Menschen mit ihren Hunden war ich mir nicht ganz sicher, wer von beiden sich jetzt mehr ausruhen mußte, der Hund oder der Mensch. Aber wie auch immer. Eine Frau mit einem mittelgroßen Hütehund ging an uns vorbei. Die Trainerin sprach sie an: “du kannst jetzt gleich deinen Sam mit auf dem Platz lassen.” Die Frau blickte zurück, lächelte, und antwortete: “ja, das ist gut, dann kann er sich endlich bewegen. Er war jetzt auch schon eine halbe Stunde im Auto.”

Er war jetzt auch schon eine halbe Stunde im Auto .

Die Tragweite dieses Ereignisses und der damit einhergehende Auslöser war mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Nicht mal im Ansatz wäre ich auf die folgenden Ereignisse gekommen. Dass meine Hunde mal eine halbe Stunde oder auch länger im Auto auf mich warten müssen, das gehört zu ihrem Leben dazu. Für mich ist das etwas völlig Normales. Für meine Hunde ebenso.

Dann kam Sam auf den Platz.

Die Frau führte ihren Sam auf dem Hundeplatz. Sie ging, nachdem sie die Tür verschlossen hat, ein paar Schritte mit Ihrem Sam, ebenfalls ein Hütehund, aber noch ein recht junger. Dann blieb sie stehen, pflichtbewusst setzte der junge Hütehund sich hin, und wurde abgeleint. Seine Augen waren nur bei seinem Frauchen. Und mit einer ausladenden Geste gab sie ihm die Erlaubnis, sich frei auf dem Hundeplatz bewegen zu dürfen. Die Hundetrainerin, die mir bis dahin ihre Biografie erzählte, wandte sich nun ebenfalls ihrem Auto zu. Denn auch in ihrem Auto wartete ihr Hund auf sie. Nun auch schon 30 Minuten. Sie öffnete die Heckklappe, nahm das Zahlenschloss von der Box, in der sich ihr Hund befand, öffnete die Box, und der erste Griff ging nach vorne, um Ihren Hund daran zu hindern, aus dem Auto zu springen. Aus ihren Erzählungen wusste ich, dass er ein Malinoi war, ein belgischer Schäferhund. 3 Jahre. Ein Rüde. Auf die letzte Information wäre ich auch ohne Ihren Hinweis gekommen, denn sie hat mir zuvor bereits den Namen Ihres Hundes verraten. Der ließ eindeutig darauf schließen, dass es sich um einen Rüden handelt: Herkules! Sie nahm Herkules noch in der Box an die Leine. Mit einer ausladenden Geste, bei der sie ihren Oberkörper leicht nach vorne beugte, bat sie ihn, aus der Box zu kommen. Für mich als Außenstehenden und unwissenden hatte es den Anschein, dass sie sich vor Ihrem Hund verbeugte. So, wie wenn die englische Queen an einem vorbei geht. Zur Perfektion fehlte in diesem Falle nur noch der Hofknicks.

Dann betrat Herkules die Arena.

Herkules sprang raus aus der Box und schaute sich sofort um. Sein Blick und sein Auftreten ließen jeden um ihn herum unmissverständlich klar machen, dass er wusste, was er für ein toller Hund war. Er ließ auch keinen Zweifel an seiner Willensstärke. Man konnte den stolzen Blick der Trainerin auf ihren Herkules sehen. Nein, es war nicht dieser Blick, mit der man seinen eigenen Hund anschaut, weil man ihn gerne hat, weil man sich freut, dass er da ist. Es war ein Blick, der auch sagte: seht her ihr alle, das ist mein Hund, das ist mein Herkules! Und nun tretet alle beiseite, denn wir kommen. Und die Menschen machten Platz. Sowohl Herkules als auch sein Frauchen strahlten genau dies aus und es glich einer Prozession, der Weg vom Auto der Hundetrainerin bis zum Eingang des Platzes. An der Tür, dem Eingang des Hundeplatzes angekommen, blieb Herkules stehen, erhobenen Hauptes, und kräftigen, durchgedrückten Beinen. Sein Kopf bewegte sich von links nach rechts, langsam, bewusst. So wie er auch zuvor jeden einzelnen Schritt bewusst, langsam, bedeutungsvoll gesetzt hat. Dann sah er Sam, den jungen Hütehund. Sein Frauchen stand am Zaun des Platzes, nicht weit von mir, und redete mit einigen anderen Hundehaltern, die zuvor noch mit ihrem Hund über den Hundeplatz ihre für meinen Anschein nach Choreografie abgeschritten waren. Die Hundetrainerin durchschritt als erste das Tor. Herkules natürlich nach ihr. So wie sich das gehört, denn der Hund hat ja schließlich immer nach dem Menschen durch eine Tür zu gehen. Hinter sich schloss sie pflichtbewusst das Tor, und ging ein paar Schritte in Richtung Mitte des Platzes. Sie blieb dort stehen und genauso abrupt wie sie stehen blieb, blieb auch Herkules stehen. Und für jeden, der hin schaute, war zu sehen, was die Aufmerksamkeit und das Interesse von ihm war. Mit jeder Faser seines Körpers fokussierte er sich auf den jungen Hütehund. Jedes noch so kleines Haar seines Fells konzentrierte sich auf Sam. Sein Blick wich nicht einen Millimeter von ihm ab. Seine Ohren waren wie bei einem Lauschangriff genauestens auf Sam ausgerichtet. Seine Vorderpfoten waren durchgedrückt, seine hinteren Beine leicht eingeknickt, um schneller durchstarten zu können. Die Trainerin machte ihn los und Herkules wartete gar nicht erst auf die ausladende Geste seines Frauchens, um durchzustarten. Er entschied jetzt selbst. Und er war jetzt der Herr auf dem Platz. Der Chef der Manege. Das wurde jeden, der ihn sah, in diesem Moment deutlich. Er rannte auf Sam zu, der sich der Situation schnellstens bewusst war, sich weg duckte, schon versuchte sich klein zu machen. Er suchte den Platz regelrecht nach etwas ab, hinter dem er sich verstecken konnte. Oder ein Loch in dem er verschwinden konnte. Doch der Platz war steril und aufgeräumt. Der Rasen so kurz gemäht, dass kein Hund sich hinter irgendeinem Grashalm hätte verstecken können. Und dann folgte der Aufprall. Herkules rannte Sam regelrecht über den Haufen. Sam drehte sich dabei einmal um sich selbst, wie ein Spanferkel auf dem Grill. Er blieb dann ehrfurchtsvoll liegen, denn er sah schon, wie Herkules ihn wieder fixierte und in seine Richtung sprang. Blitzschnell sprang Sam auf, um Herkules auszuweichen. Und dann legte er sich wieder flach auf dem Boden, in der Hoffnung, dass Herkules ihn übersehen würde. Herkules übersah ihn aber nicht. Aber es reichte ihm auch. Langsam Schritt er von dannen, um an einen der Holzpfeiler für den Zaun zu markieren. Dabei schaute er stolz zu seinem Frauchen, der Hundetrainerin. Und sie schaute stolz und verliebt zurück.

Frust, nicht nur bei den Hunden.

Das Frauchen von Sam wandte sich an die Trainerin: “das war jetzt aber gar nicht nett von deinem Herkules,” sagte sie zu ihr. “Ja schau,” antwortete die Trainerin, “der hat jetzt 30 Minuten im Auto gesessen. Der muss jetzt wohin mit seiner Energie. Der ist frustriert.” Das Frauchen von Sam senkte den Blick. Ich mischte mich in das Gespräch ein: “30 Minuten im Auto und nichts zu tun ist für deinen Hund Grund zum Frust?” “Ja,” sagte sie zu mir, “natürlich, er konnte sich ja nicht bewegen.” Ich entgegnete ihr: “30 Minuten nichts zu tun ist doch für einen ausgeglichenen Hund ein Witz, und alles andere als ein Grund, frustriert zu sein.” Das Frauchen von Sam schaute zu mir und lächelte leicht. Fühlte sie sich doch verstanden in ihrem Bauchgefühl und in ihrer Intuition. “Und selbst wenn dein Herkules frustriert ist, so kann er deswegen doch nicht einfach seinen Frust an anderen Hunden auslassen.” “Der Sam muss das schon lernen, der kriegt da draußen auch mal einen auf den Deckel, so ist eben das Leben da draußen.” “Wenn man dir so zuhört, so kann man den Eindruck bekommen, dass da draußen zwischen den Hunden Krieg herrscht. Ich kann dir aber versichern, dass dem nicht so ist.” Die Trainerin schaute mich nun genervt und auch schon ein wenig böse an. Sie war es offensichtlich nicht gewohnt, dass ihre Aussagen in Frage gestellt werden. Ich fuhr fort: “warum hast du eigentlich deinem Herkules niemals beigebracht, mit Frust umzugehen? Dann wären doch solche Aktionen hier überhaupt nicht vonnöten.” Das Frauchen von Sam pflichtete mir bei: “das habe ich ja auch schon gesagt, das kann doch nicht sein, dass dein Herkules immer alle unsere Hunde durchlässt.” Die Hundetrainerin sah, dass sich diesem Gespräch auch die anderen Teilnehmer des Gruppenunterrichts genähert haben, um zu lauschen. Ich sagte zu ihr: “Du musst doch mit deinem Hund eigentlich als gutes Beispiel vorangehen! Dein Hund und du, ihr müsste doch das Vorbild sein für alle anderen. Und wenn dein Hund schon nach 30 Minuten Nichtstun Frust schiebt und als Frustabbau andere Hunde wie einen Sandsack und ein Punchingball nutzt, dann wirft das kein gutes Licht auf deine Zunft.” Ich merkte, ich hatte einen wunden Punkt bei ihr getroffen. Ich habe diesbezüglich das Gespräch nicht weiter fortgeführt, denn es geht mich auch nichts an, was in diesem Hundeverein intern wie geregelt und geduldet wird. Doch fand ich es wichtig, auch einmal darauf hinzuweisen, das Hunde durchaus in der Lage sind, Frust auszuhalten, mit Frust umzugehen, und  diesen auf andere Art und Weise abbauen können, als durch rüpelhaftes und respektloses Auftreten. Nun fühlten sich auch die anderen Anwesenden ermutigt, ihre Sicht der Dinge zu dem Auftreten von Herkules und seinem Frauchen der Hundetrainerin, kundzutun. Ich hielt mich da raus. Aber auf der anderen Seite freute ich mich, dass die anderen nun auch mal den Mut gefunden haben, ihre Sicht der Dinge über das Verhalten von Herkules darzustellen. Denn nur so kann sich in diesem Verein etwas verändern. Ich lauschte weiterhin der Diskussion zwischen den Vereinsmitgliedern und der Trainerin. Im Grunde genommen wartete ich auf eine von zwei Aussagen: entweder dass sie darauf hinwies, dass das bei der Rasse der Malinoi normal sei, oder dass sie die globale Aussage tätigt, dass jeder Hund nach 30 Minuten im Auto sitzen Frust hätte und diesen so abbauen würde, wie ihr Herkules. Nach einiger Zeit hörte ich die zweite Variante und ich mischte mich kurzerhand wieder in die Diskussion zwischen ihr und den Vereinsmitgliedern ein. “Wir machen jetzt mal folgendes: Meine beiden Hunde sind seit weit über einer Stunde dort im Auto wie du weißt. Ich rufe die beiden jetzt aus dem offenen Auto heraus und dann wollen wir mal schauen, ob auch sie ihren Frust in einer Art und Weise abbauen wie dein Herkules.”

So Verhalten sich Hunde, die gelernt haben zu warten.

Ich wartete gar nicht erst eine Reaktion ab und rief zwei meiner Hunde. Sie sprangen aus dem Auto und liefen umher. Selbstverständlich zeigten beide nicht mal ansatzweise ein Verhalten wie vorhin Herkules auf dem Hundeplatz. Und dann kam die andere Aussage, auf dich von der Hundetrainerin gewartet hatte: “Bei einem Malinois ist das so!” Ich musste lachen. Denn das ist Quatsch. Wäre es so, wäre der Malinoi nicht so beliebt bei den Behörden wie Zoll, Polizei und Armee. Und es hat auch nichts mit der Rasse zu tun, sondern einzig und allein mit der Erziehung und der Beziehung zu dem Hund, wie sein Auftreten ist. Schließlich hat es auch nichts mit meiner Rasse als Mensch zu tun, ob ich mich als asozialer Rüpel verhalte, oder sozial und rücksichtsvoll. Es hat vielmehr damit etwas zu tun, wie ich aufgewachsen bin, welche Werte mir von meinen Eltern und meinem direkten Umfeld vermittelt wurden. Beim Hund ist das nicht anders. Und ich vermute, dass der Hundetrainerin das Auftreten ihres Herkules sogar gefiel, dass sie es unbewusst förderte. Aber das ist nur eine Vermutung. Wenig später schickte ich meine Hunde wieder in mein Auto, und verabschiedete mich von den Vereinsmitgliedern.

Später bekam ich noch eine Nachricht von dem Frauchen von Sam: “Vielen Dank, das musste mal endlich gesagt werden. Wir haben das schon öfters versucht, aber leider immer ohne Erfolg. Hoffentlich ändert sich jetzt etwas im Umgang von Herkules mit dem anderen Hunden.”

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